(K)#EinschönerLand: Der Klang von grünem Konservatismus? Ein Wahlspotvergleich.

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“Das ist ja schlimmer als deutsche Heimatfilme der 50er Jahre und Musikantenstadl zusammen.”1 ist noch eine der milderen Bemerkungen auf Twitter zum neuen Wahlwerbespot von Bündnis90/Die Grünen “Ein schöner Land”, der eine Welle des Spotts auf sozialen Medien ausgelöst hat. Aber ist “Ein schöner Land” wirklich das Produkt einer fehlgeleiteten Wahlkampfstrategie? Auf YouTube wird das Video im Vergleich zu Spots anderer Parteien deutlich häufiger aufgerufen. Bei genauerem Hinblick vermittelt “Ein schöner Land” den linksliberalen Inhalt der Grünen in einer konservativen Verkleidung. Wieso die Grünen sich konservativer Stilmittel bedienen, wird in diesem Artikel aufgezeigt.

Von Marta Moch, NRW School of Governance und Universität Siegen

“Ein schöner Land”: Die Umdichtung eines deutschen Volkslieds

Quelle: Screenshot aus dem YouTube Video des Spots.

Aber wovon handelt der neue Wahlwerbespot der Grünen, bei denen manche Twitter-User sich über “blutende Ohren”2 beschweren? In “Ein schöner Land” wird eine grüne Utopie Deutschlands in Kleingruppen- und Sologesangsauschnitten von über 20 Laiendarstellern vorgetragen. Der Vergleich des Auftritts mit nationalromantischer Musik aus vorherigen Jahrhunderten liegt im Ursprung des Liedes. Schließlich ist “Ein schöner Land” die Umdichtung des Volklieds “Kein schöner Land” aus dem Jahr 1840 von Anton Wilhelm von Zuccalmaglio3. Im “Remake” der Grünen wird die Naturverbundenheit früherer Romantiker zu einem neuzeitlichen Zukunftstraum inklusive “Anschluss an Straße, Bus und Bahn und natürlich auch Wlan”.

YouTube: Der meistgesehene Wahlkampfspot der BTW 2021

YouTube ist ein aussagekräftiges soziales Medium, um die Reichweite von Wahlwerbespots bei der Gesamtbevölkerung zu analysieren. Auf den offiziellen parteipolitischen Facebook-Kanälen werden sich zumeist Anhänger der Partei die Spots anschauen, wohingegen auf YouTube ein politischer Querschnitt aller Internutzer Wahlkampfvideos anklickt. Anders als bei Facebook gibt es zusätzlich zum Like-Button einen Dislike Button, sodass die Beliebtheit des Wahlspots in der gesamten Nutzerschaft dieses Mediums abgebildet wird.

Auf den ersten Blick sieht man, dass “Ein schöner Land” der am häufigsten aufgerufene Spot der Bundestagswahl 2021 ist (569.260 Aufrufe; Stand 30.08.21, 15 Uhr). Dahinter folgen die Wahlspots der anderen beiden Kanzlerkandidatenparteien (CDU: 476.894 Aufrufe, SPD: 356.031 Aufrufe). Klammert man die CSU als Partei, die nur auf Länderebene antritt, aus, hat die Linke mit 73.423 Aufrufen die geringste Reichweite auf YouTube. Eine Erklärung dafür wäre das Veröffentlichungsdatum. Die Linke hat ihr letztes Video zum Wahlkampf im Mai hochgeladen; lange vor Beginn der heißen Wahlkampfphase, sodass vermutlich eher nur Unterstützer der Partei das Video sahen. Dies deckt sich mit Ergebnissen der Likes und Dislikes. “Macht das Land gerecht. Jetzt” (Linke) wird zu 81% positiv bewertet, die höchste Bewertung von allen verglichenen Wahlkampfspots (Likes: 1.827 // Dislikes: 437). Mit 118.727 Klicks hat die AfD die drittgeringste Aufrufanzahl. Dies könnte daran liegen, dass es ebenso wie “Ein schöner Land” am 24.08. hochgeladen wurde. Die Aufmerksamkeit des Grünen-Wahlspots könnte die AfD aus der medialen Wahrnehmung verdrängt haben. Auch die hohe Anzahl an Likes im Kontrast zu Dislikes deutet daraufhin, dass das Video eher von Personen angesehen wurde, die sich politisch für die AfD engagieren (Likes: 9.636 // 76%; Dislikes: 3.015 // 24%). Ein Wahlwerbespot, der einigermaßen hohe Aufruf- und Like-Quoten hat, ist das Video der SPD “Was ist eigentlich alles drin, wenn man die SPD wählt?” (Likes: 1.940 // 66% Dislikes: 988 // 34%), wobei anzumerken ist, dass es sich um eine veränderte Version des Clips handelt, nach den Negativschlagzeilen der Ursprungsversion4. Tatsächlich ist “Ein schöner Land” nicht das am meisten dislikte Wahlwerbevideo (Likes: 8.619 // 24%; Dislikes: 26.979 // 76%), sondern CDUs “Deutschland gemeinsam machen” (Likes: 921, 13% // Dislikes: 6.160, 87%)5.

Die digital kompetente “Omi vor Future”

Ist nun “Ein schöner Land” ein thematischer Ruck von der progressiven Denkweise der Grünen zur konservativem Ideologie? Dafür muss man sich erst verdeutlichen, in welcher Weise sich konservatives – und progressives – Verständnis unterscheiden. Ein Ansatz dafür liefert der kognitive Linguist George Lakoff, das Frame des strikten Vaters (Org. strict father) und das Frame der fürsorglichen Eltern (Org. nurturing parents)6.

Frames sind gedankliche Umrahmungen, mittels derer Menschen Ereignisse verstehen und bewerten. Einen Ausschnitt aus “Ein schöner Land”, den Personen unterschiedlich bewerten ist der “People of Color”-Handwerker, der ab 0:19 min im Video zu sehen ist. Der Twitter- User Liban Farah (SPD-Mitglied) beschwert sich darüber, dass dadurch das Klischee von “People of Color” als Auszubildende und Nicht-Akademiker verstärkt wird und framt die Bilder entsprechend als “Rassismus”. Michael D. (Grünen-Mitglied) weist den Vorwurf der Unterrepräsentation von “People of Color” zurück. Im Retweet an Liban Farah argumentiert er, dass der Wahlkampfspot die Vielfalt der deutschen Gesellschaft darstellt. Dementsprechend ordnet dieser Twitter-User den Handwerker unter dem Frame “kulturelle Diversität” ein. Jemand vom rechten politischen Spektrum würde den “People of Color”-Handwerker auf eine dritte Weise interpretieren, wahrscheinlich unter dem Frame “Bedrohung für deutsche Arbeitsplätze”.

Nach Lakoff kann man sich das politische Weltbild von Progressiven als ein fürsorgliches Elternpaar vorstellen. Demnach werden Kinder als von Natur aus gut angesehen und können durch die Fürsorge der Eltern nur besser werden6. Übertragen auf die politische Ebene äußert sich diese Metapher im Stellenwert der Menschenrechte und sozialen Gerechtigkeit, denen der ideale progressive Politiker genügend Entfaltungsraum bieten sollte. Konservative Politiker sollte man sich hingegen als der generisch maskuline “strenge Vater” vorstellen, so die Ansicht von Lakoff. Nach dieser Vorstellung ist die Welt feindlich und Kinder müssen die Regeln des richtigen Verhalten durch Strafen und Mäßigung erlernen, um zu überleben 6. Ein Beispiel dafür ist das Festhalten an der restriktiven Schuldenpolitik der “Schwarzen Null” durch die Große Koalition vor der Covid-19 Krise. Auch spielt Traditionsbewusstsein eine große Rolle bei Konservativen, denn das Wort des Vaters ist wichtiger als das seiner Kinder.

Tatsächlich ist “Ein schöner Land” eine Verschmelzung von progressiven Inhalten und konservativen Stilmitteln. Ein gutes Beispiel dafür ist die digital kompetente “Omi for Future”, die einmal ab 0:16 min und ein zweites Mal ab 1:20 min zu sehen ist. Obwohl die ältere Frau in einem eher altmodisch möblierten Wohnzimmer sitzt, das recht gut zur musikalischen Begleitung passt, hält sie in ihren Händen ein Tablet. Es soll eine Seniorin darstellen, die mit dem Umgang von mobilen Endgeräten vertraut ist. Somit werden die Frames von Tradition und Digitalisierung zusammen mit dem Frame “Die Grünen” verbunden, die in dieser Szene von einer Sonnenblume symbolisiert werden. Die Verbundenheit der Seniorin mit den politischen Werten der Grünen wird in der zweiten Szene deutlicher. Dort geht die Frau mit einem Schild demonstrieren auf dem “Omi for Future” steht. Diese Anspielung auf die Klimaschutzbewegung “Fridays for Future” interpretiert die damit verbundenen Assoziationen neu. “Fridays for Future” ist in diesem Spot nicht länger nur eine Protestbewegung für junge Menschen, sondern auch offen für ältere Personen. Der Grund, wieso sich die Grünen konservativer Stilmittel wie Volkslieder bedienen, ist es Menschen aus der politischen Mitte anzusprechen, die sich als Konservative sehen, aber latent einigen progressiven Inhalten zustimmen, wie beispielweise dem Klimaschutz6. Es ist nicht der einzige Versuch der Grünen in dieser Bundestagswahl sich konservativer Stillmittel zu bedienen. Beispielweise wird im Bundestagswahlspot des Landesverbands Hessen von der “Bewahrung des Naturerbes” gesprochen (ab 0:07 min)7. Klimaschutz wird hierbei in eine traditionalistische Rhetorik verpackt, die Konservative eher auf ein menschengemachtes Erbe anstatt auf ein natürliches Erbe verwenden würden.

Bedeutet nun die geringe Anzahl an Likes auf YouTube, dass die Grünen bei der Bundestagswahl von den Wählern für ihre Gesangseinlage abgestraft werden? Nicht unbedingt. Man sollte bedenken, dass die Summe von Likes und Dislikes im Verhältnis zur Gesamtaufrufanzahl nur ca. 6% ausmacht. Auch wenn man Mehrfachaufrufe von YouTube-Accounts mit Wertung subtrahiert, kann man anhand der vorliegenden statischen Daten kein eindeutiges Ergebnis festmachen. Davon abgesehen gibt es eine bestimmte Zielgruppe, denen der Werbespot eher im analogem Fernsehen anstatt auf YouTube begegnet, nämlich ältere Personen. Ob sich die Strategie der Verbindung von konservativen Stilmitteln und progressiven Inhalten für die Grünen bewahrheitet, oder im kollektiven Cringe-Gefühl endet, wird sich am 26.09. zeigen.


  1. https://twitter.com/maternus/status/1430157083220058118↩︎

  2. https://twitter.com/Taru_Tuomi/status/1430080245424607239↩︎

  3. http://www.liederlexikon.de/lieder/kein_schoener_land_in_dieser_zeit/?searchterm=kein%20sch%C3%B6ner%20land↩︎

  4. Weil die Kritik an den religiösen Überzeugungen des Laschet-Vertrauten Nathanael Liminski im Spot der SPD einen Skandal entfachte, wurde das Video zurückgezogen: https://rp-online.de/politik/deutschland/bundestagswahl/bundestagswahl-spd-zieht-umstrittenes-wahlkampfvideo-zurueck_aid-62088713↩︎

  5. Alle Daten beziehen sich auf den 30.08.21 15 Uhr und wurden von den offiziellen YouTube-Accounts der Bundestagsparteien erhoben: AfD TV, Büdnis90/Grünen, cdutv, DIELINKE, FDP, SPD.↩︎

  6. Lakoff, George, 2004: Don't Think of an Elephant!: Know Your Values and Frame the Debate: the Essential Guide for Progressives. Vermont: Chelsea Green Publishing Company.↩︎

  7. https://facebook.com/22865297210/videos/858778295063942↩︎


Die erwähnten Spots der Parteien zum Nachschauen:

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