Verschwörungstheorien im Vorfeld der Bundestagswahl 2021: Wahlabsicht beeinflusst Misstrauen

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Von Jessica Haak (@haak_jes)

Eine aktuelle Befragung des Meinungsforschungsunternehmens Pollytix zeigt, dass die Anhänger:innen der AfD stärker an Verschwörungstheorien glauben als die Anhänger:innen anderer Parteien. Die Mehrheit von ihnen ist überzeugt, dass die Grünen das Autofahren verbieten wollen und Briefwahl besonders anfällig für Manipulationen sei. Auch hinter dem Corona-Virus vermutet die Hälfte von ihnen eine Verschwörung.

Eine repräsentative Umfrage unter den wahlberechtigten Internetnutzer:innen in Deutschland macht deutlich, dass der Glaube an Verschwörungstheorien zwischen den Anhänger:innen der Parteien variiert. Zeigt sich für die Gesamtheit aller Befragten, dass keine der Erzählungen mehrheitlich geteilt wird, ergeben sich je nach Parteianhängerschaft deutliche Unterschiede – als Parteianhänger:innen werden nachfolgend jene Befragte verstanden, die angaben sie würden  die jeweilige Partei wählen, wäre am nachfolgenden Sonntag Bundestagswahl.

Der Befragung zufolge stößt die Aussage, dass die Grünen das Autofahren verbieten wollen, unter den meisten Parteianhänger:innen auf Ablehnung[1]. Davon weichen zwei Gruppen deutlich ab: Unter den Anhänger:innen der AfD glaubt die Hälfte (53 %) an die Richtigkeit der Aussage. Für Anhänger:innen der FDP fällt die Zustimmung mit 37 % vergleichsweise zwar geringer, aber immer noch höher als für Anhänger:innen anderer Parteien aus.

Auch die Erzählung, dass die Briefwahl besonders anfällig für Wahlmanipulationen sei, stößt vor allem bei Anhänger:innen der AfD auf Zustimmung. Während die Anhängerschaft der anderen Parteien mit mindestens 56 % (FDP und Linke) oder mehr die Aussage ablehnt, zeigt sich auf Seiten der AfD mit 52 % mehrheitlich Zustimmung dafür.

Weniger eindeutig beurteilen die Befragten die Aussage, dass Russland versuche, mit einer Kampagne in den Sozialen Medien die Wahl einer grünen Bundeskanzlerin zu verhindern. Auch wenn ihr Wahrheitsgehalt nicht abschließend geklärt ist und man sie keineswegs als Verschwörungstheorie abtun kann, ist es dennoch interessant, wie unterschiedlich die Anhänger:innen der Parteien in ihrer Beurteilung der Aussage sind. Über die Parteien hinweg geben zwischen 32 % (AfD) und 43 % (Die Linke) der Anhänger:innen an, nicht zu wissen, wie sie die Aussage beurteilen sollen. Die meiste Zustimmung findet sich dabei mit 28 % unter den Anhänger:innen der Grünen, am meisten Ablehnung unter jenen, die beabsichtigen, die AfD zu wählen (49 %).

Auch für Verschwörungstheorien, die das Corona-Virus betreffen, sind deutliche Unterschiede zwischen den Anhänger:innen der Parteien feststellbar. Spricht sich die Mehrheit dagegen aus, dass das Corona-Virus nur ein Vorwand sei, um die Menschen zu unterdrücken, stellen die Anhänger:innen der AfD auch hier eine Ausnahme dar. Von den Personen, die angeben, die AfD zu unterstützen, glauben 48 % dieser Aussage. Damit ist dieser Personenkreis fast doppelt so groß wie der Anteil von AfD-Anhänger:innen, die die Aussage ablehnen (26 %).

Auch darüber, dass Querdenker:innen in den Medien falsch dargestellt werden, ist sich die Mehrheit der AfD-Anhänger:innen (58 %) sicher. Unter den Anhänger:innen der anderen Parteien wird die Aussage größtenteils abgelehnt. Gleichwohl will oder kann mindestens ein Fünftel von ihnen keine eindeutige Einschätzung abgeben.

Mit der Leugnung des menschlichen Einflusses auf den Klimawandel und der Errichtung eines Gottesstaates durch Muslim:innen in Deutschland wurden zuletzt auch bereits länger bekannte Verschwörungstheorien abgefragt. In jeder Parteianhängerschaft dominiert dabei die wissenschaftlich abgesicherte Sichtweise, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Am häufigsten stimmen dabei Anhänger:innen der Grünen zu (84 %), am seltensten Anhänger der AfD (44 %). Gleichzeitig hält mehr als ein Fünftel der AfD-Anhänger:innen die Aussage für falsch.

Überzeugter scheinen die AfD-Anhänger:innen hingegen von der Erzählung der Islamisierung zu sein: 51 % glauben, dass Muslim:innen in Deutschland einen Gottesstaat mit Scharia errichten wollen. Die Anhänger:innen der anderen Parteien lehnen diese Aussage größtenteils ab. Dabei stimmen die Anhänger:innen der Union und der FDP mit jeweils 23 % und 26 % jedoch öfter zu als die der SPD, der Grünen und der Linken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Anhänger:innen der AfD stärker an die abgefragten Aussagen zu Verschwörungstheorien glauben als die Anhänger:innen der anderen Parteien. Ob und wie sich dies auf die Wahlentscheidung auswirken wird, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Untersuchungsanlage

Grundgesamtheit: Wahlberechtige Internetnutzer:innen in Deutschland

Erhebungsmethode: Computer-Assisted Web Interviewing (CAWI)

Erhebungszeitraum: 22. Bis 29. Juni 2021

Fallzahl: 3009 Befragte[2]

Gewichtung: Nach soziodemographischen Merkmalen

 

Durchführendes Institut: Pollytix im Auftrag von Reset.Tech

Vorgehen: Die Befragten sollen für mehrere Aussagen beurteilen, inwiefern sie diesen zustimmen. Die vorgelegten Aussagen sind dabei aus der öffentlichen Debatte bekannt und stehen in einem erkennbaren Widerspruch zu etablierten wissenschaftlichen und medialen Positionen, sodass sie als Verschwörungstheorien bezeichnet werden können.  Die Antwortoptionen „stimme voll und ganz zu“ bis „stimme eher zu“ wurden obenstehend zu der Kategorie „Zustimmung“ zusammengefasst. „Keine Zustimmung“ wurde durch die Antwortoptionen „stimme überhaupt nicht zu“ und „stimme eher nicht zu“ gemessen. Die Kategorie „unentschlossen“ bildet jene Befragte ab, die mit „teils/teils“ oder „weiß nicht“ geantwortet haben. Die Ergebnisse sind auf ganze Prozentwerte gerundet, um falsche Erwartungen an die Präzision zu vermeiden.

Weitere Informationen: https://pollytix.eu/veranstaltung/umfrage-zu-hass-im-netz/

 

[1] Nachfolgend wird zur Vereinfachung ausschließlich zwischen der Zustimmung und der Ablehnung (Keine Zustimmung) der Befragten gegenüber den vorgelegten Aussagen unterschieden. „Zustimmung“ wurde in der Befragung durch die Antwortoptionen „stimme voll und ganz zu“ und „stimme eher zu“ erfragt. „Keine Zustimmung“ bildet die Antwortoptionen „stimme überhaupt nicht zu“ und „stimme eher nicht zu“ ab. Jene Befragte, die mit „teils/teils“ oder „weiß nicht“ geantwortet haben, gelten als „unentschlossen“.

[2] Maximale Fehlertoleranz für n=3.009 bei einem 95% Konfidenzintervall: +/- 1,8%

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