Kurzanalyse: Die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2021

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Im Juni ist das Wahlprogramm der CDU/CSU erschienen — das letzte Programm einer im Bundestag vertretenen Partei. Seither ist eigentlich bekannt, mit welchen Themen CDU/CSU, Die Grünen, SPD, FDP, Die Linke und die AfD im Wahlkampf antreten. Was unterscheidet die Programme und was haben sie gemeinsam? Eine Annäherung in Zahlen gibt darauf einige Antworten.

Von Team (@ZahlenZurWahl), European New School of Digital Studies

Wahlprogramme haben mehrere Funktionen für die Parteien. In ihnen legen Parteien ihre Standpunkte im Wahlkampf (und bestenfalls darüber hinaus) fest, bieten für Mitglieder und Unterstützer:innen der Parteien eine Hilfestellung, um die genauen Positionen besser vertreten zu können und werden in den Medien aufbereitet und diskutiert. Allerdings werden sie auch dieses Jahr wieder nur von den wenigsten Wähler:innen gelesen werden. Als Gründe dafür werden oft die Länge der Programme und die teils schwer verständliche Sprache genannt. Wie lang sind die Programme also?



Tatsächlich füllen die Programme zusammen genommen 773 Seiten mit insgesamt 240.131 Wörtern. Selbst schnelle Leser:innen müssten also circa 16-17 Stunden investieren, um alles zu lesen — ohne Pausen und bei einer Lesegeschwindigkeit von 250 Wörtern pro Minute. Am längsten wäre man beschäftigt, das Programm der Grünen durchzuarbeiten — für deren 249 Seiten man circa 272 Minuten brauchen würde. Am schnellsten würde man durch das Programm der AfD kommen, deren Inhalt Leser:innen “nur” 62 Minuten beschäftigt — geht man von reiner Lesezeit aus.

Und wie verständlich sind die Programme? Dies hängt natürlich stark vom Leser ab. Allerdings kann man sich einer Antwort mit zwei oft genannten Kennzahlen annähern: Länge von Sätzen und Größe des Wortschatzes. Längere Sätze sind oft schwerer verständlich, während ein großer Wortschatz die Gefahr erhöht, dass Wähler:innen mit ihnen unbekannten Ausdrücken nichts anfangen können.



Beide Kennzahlen weisen die Grünen als am schwersten lesbar aus: mit 12.100 verschiedenen Wörtern und einer Satzlänge von durchschnittlich 18,4 Wörtern pro Satz machen es die Grünen vielen potenziellen Wähler:innen nicht leicht, ihr Programm zu studieren. Anders macht das beispielsweise Die Linke, die zwar auch einen immensen Wortschatz nutzt (9,915), ihre Sätze dafür aber am kürzesten hält (14,5). Wer sich genauer mit der Lesbarkeit der Programme auseinandersetzen möchte, findet demnächst eine Analyse der Verständlichkeit der Wahlprogramme auf der Seite der Uni Hohenheim.

Was steht aber nun in den Programmen selbst? Um einen ersten generellen Einblick zu bekommen, worauf die Parteien ihre Schwerpunkte legen, kann man unter anderem fragen, welche Wörter in den Wahlprogrammen am häufigsten benutzt werden.1



Schaut man auf die 15 häufigsten Wörtern in der Darstellung oben, erhält man ein paar erste Einblicke worüber die Parteien schreiben:

  • Die AfD und FDP sprechen am häufigsten über sich selbst.
  • Europa, die EU und der Euro werden in allen Programmen diskutiert.
  • “Deutschland” findet sich unter den meistbenutzten Wörtern aller Parteien, außer bei Die Linke.
  • Nur Die Linke und die SPD legen einen Fokus auf Arbeit.
  • Die Linke, FDP und SPD sprechen häufig über Unternehmen.

Daneben werden einige Wörter von allen Parteien oft genutzt, wie zum Beispiel “Menschen”. Interessant ist aber eher, was die Parteien voneinander unterscheidet. Um dies herauszufinden kann man die absoluten Häufigkeiten anders gewichten. Mithilfe des Tf-idf-Maßes (vom Englischen “term frequency-inverse document frequency”) wird berechnet, wie besonders ein Begriff in einem Wahlprogramm verglichen mit allen anderen Wahlprogrammen ist. Bei Werten, die gegen 1 gehen, findet sich der Begriff ausschließlich im vorliegenden Programm häufig, ist aber sonst sehr selten. Hieran zeigt sich, was die Programme besonders macht:

  • Wiederum zeigt sich, dass die AfD und FDP häufig über sich selbst schreiben, wobei durch die Gewichtung auch Die Linke einen deutlichen Selbstbezug hat.
  • Die Themen, die die AfD offenbar ausmachen, sind Geldpolitik (EZB, Bundesbank) und Einwanderung (Zuwanderung, Asylbewerber, Ausländer) bzw. Religion (Islam).
  • Die Grünen unterscheiden sich sprachlich dadurch, dass sie das Gendersternchen nutzen, wie auch die SPD und legen daneben besonderen Wert auf Umwelt (Klimakrise, klimagerechten, Mobilitätswende, Energiegeld) und soziale Themen (KiTa(s), Mieter*innen, Geflüchteten).
  • die CDU/CSU kündigt das Modernisierungsjahrzehnt an — nach 16 Jahren in der Bundesregierung — und ist ansonsten stärker auf Sicherheit (Bevölkerungsschutz, Soldaten und Soldatinnen) fokussiert als die anderen Parteien.
  • Die Linke beschäftigt sich offenbar stärker mit wirtschaftlichen und sozialen Themen (Profite, Erwerbslosigkeit, Mindestsicherung, Beschäftigten, Gewerkschaften, ALG, Profitinteressen).
  • Die FPD unterscheidet sich, außer in ihrem Selbstbezug, kaum von anderen Parteien, was die niedrigen Werte auf der Tf-idf-Skala zeigen.
  • Die SPD hat schließlich ebenfalls einen Fokus auf wirtschaftlichen und sozialen Themen (Gesundheitswirtschaft, Bürgergeld, Gewerkschaften, Sicherungsgeld, Mindestbesteuerung) und erwähnt das Ziel, bis 2045 klimaneutral zu wirtschaften.

Die Parteien versuchen demnach durchaus Akzente zu setzen und sich in ihren Wahlprogrammen voneinander abzugrenzen. Eine genauere Analyse der Programme kann man übrigens in den kommenden Wochen auf der Seite des WZB lesen, die in ihrer Serie Manifesto Monday Analysen der Programme vorstellen. Zudem wird die Bundeszentrale für politische Bildung wie in vergangenen Jahren ihren Wahl-O-Mat, der die Wahlprogramme zu einfachen Thesen zusammenfasst, ab dem 2. September bereit stellen. Trotzdem bleibt interessierten Wähler:innen der Weg, sich über die Themen, die ihnen besonders wichtig sind, noch einmal genauer in den Wahlprogrammen zu informieren.


  1. Häufige Wörter ohne besonderen Bedeutungsgehalt, wie “aber”, “und” und “dass”, wurden vor der Auszählung entfernt.↩︎

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