Desinformationen im Internet: Geteilte Ängste, unterschiedliche Wahrnehmung

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Falschinformationen im Internet sind ein großes Problem für die Gesellschaft – das findet laut einer aktuellen Befragung des Meinungsforschungsunternehmens Pollytix die Mehrheit aller Parteianhänger:innen. Wie konkrete Falschinformationen jedoch wahrgenommen werden, unterscheidet sich je nach Parteianhängerschaft. Auch für das Medienvertrauen lassen sich deutliche Unterschiede ausmachen: Währen­d die Anhänger:innen aller anderen Parteien der Berichterstattung über politische Themen in den öffentlich-rechtlichen Medien vertrauen, halten AfD-Anhänger:innen Soziale Medien für vertrauenswürdiger. Dennoch hat die Mehrheit aller Parteianhänger:innen Angst vor Desinformation im Bundestagswahlkampf.

Von Jessica Haak (@haak_jes), NRW School of Governance

Eine repräsentative Umfrage unter den wahlberechtigten Internetnutzer:innen in Deutschland macht deutlich, dass die Wahrnehmung von Falschinformationen und das Vertrauen in Medien mit der Wahlabsicht variieren. Nehmen die Befragten Falschinformationen im Internet grundsätzlich als großes Problem für die Gesellschaft wahr, unterscheidet sich der Umgang damit und die Bewertung konkreter Behauptungen je nach Parteianhängerschaft1.

Bereits bei der Informations-Beschaffung lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den Anhänger:innen der Parteien erkennen. Die Anhänger:innen der beiden Volksparteien CDU/CSU und SPD präferieren mehrheitlich Offline-Medien wie das Fernsehen, die Zeitung oder das Radio. Anhänger:innen der FDP und der AFD hingegen erhalten die meisten Informationen zu politischen Themen online über Nachrichtenseiten und Soziale Medien. Anhänger:innen der Grünen und der Linken informieren sich gleichermaßen offline und online.

Die breite Mehrheit der Befragten sieht Falschinformationen als großes Problem. Am häufigsten bewerten dabei Anhänger:innen der Grünen (90 %) Desinformation als problematisch. Die geringste Problemwahrnehmung haben Anhänger:innen der AfD (72 %). Mehr als ein Viertel von ihnen sieht darin nur ein geringes oder gar kein Problem. Unter den Anhänger:innen der anderen Parteien sind es zwischen 10 % (Grüne) und 14 % (Linke).

Mit Abstand am häufigsten begegnen nach eigenen Angaben Anhänger:innen der Linken (74 %) und der SPD (73 %) Beiträgen in Sozialen Medien, die bewusst falsche Informationen verbreiten. Aber auch die anderen Parteianhänger:innen geben mit mindestens 64 % an, häufig bis sehr häufig auf Falschinformationen zu stoßen. Umgekehrt berichten zwischen 23 % (SPD/Linke) und 31 % (AfD) der Befragten, selten oder noch nie Kontakt mit Falschinformationen in Sozialen Medien gehabt zu haben.

Bei der Wahrnehmung konkreter Falschinformationen zeigt sich dagegen ein differenziertes Bild. Am häufigsten geben Befragte mit Wahlabsicht der Grünen (60 %) oder der Linkspartei (57 %) an, in den Sozialen Medien Beiträge oder Kommentare gesehen zu haben, die den Klimawandel als Erfindung dargestellt haben.

Deutlich öfter haben die Befragten Social-Media-Beiträge wahrgenommen, die von einer Covid-Impfung abraten: 71 % der AfD-Anhänger:innen haben derartige Beiträge oder Kommentare gesehen, bei den Anhänger:innen der anderen Parteien sind es zwischen 62 % und 68%.

Auch das Vertrauen unterscheidet sich deutlich nach Parteianhängerschaft. Die Mehrheit der Anhänger:innen aller Parteien vertraut nach eigenen Angaben der Berichterstattung über politische Themen in den öffentlich rechtlichen Medien. Dabei zeigen die Grünen-Anhänger:innen das größte Vertrauen (81 %). Ganz anders sieht es bei Anhängerschaft der AfD aus: Als einzige Gruppe misstraut sie der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung mehrheitlich (64 %).

Höher ist ihr Vertrauen in Beiträge auf Sozialen Medien wie Facebook oder Twitter: 40 % von ihnen stimmen der Aussage zu, dass sie den dort veröffentlichten politischen Beiträgen vertrauen. Die Anhänger:innen der anderen Parteien geben im Vergleich zu öffentlich-rechtlichen Medien zwar seltener an, Informationen in Sozialen Medien zu vertrauen. Allerdings sind es immer noch 46 % der Union-Anhänger:innen und 43 % der SPD-Anhänger:innen, die angeben, den politischen Inhalten in Sozialen Medien zu vertrauen.

Trotz der berichteten Verunsicherung, wenn es um die Unterscheidung von glaubhaften Informationen in Sozialen Medien geht, geben die Befragten mehrheitlich an, falsche Informationen von richtigen unterscheiden zu können. Am häufigsten sicher schätzen sich dabei Anhänger:innen der Union (80 %) ein. Die Verunsicherung ist unter jenen Befragten mit Wahlabsicht der SPD und der AfD am höchsten: Mehr als ein Viertel von ihnen gibt an, nicht zu wissen, wie sie falsche von richtigen Informationen unterscheiden können.

Umso überraschender ist, dass die Angst, in den Sozialen Medien auf Falschinformationen reinzufallen, besonders häufig unter Anhänger:innen der Union (43 %), aber auch unter denen der SPD (43 %) verbreitet ist. Anhänger:innen der AfD und der FDP hingegen geben mit jeweils 63 % an, keine Angst vor Falschinformationen zu haben.

Geht es konkret um die Bundestagwahl, fürchten die Anhänger:innen der AfD vergleichsweise am häufigsten (69 %), dass es im Bundestagwahlkampf zu viele Falschinformationen geben werde. Allerdings ist diese Angst mehrheitlich auch unter den Befragten der anderen Parteien verbreitet.

Insgesamt werden Falschinformationen im Internet allgemein als großes Problem für die Gesellschaft wahrgenommen. Dabei weisen Anhänger:innen der AfD vergleichsweise die geringste Problemwahrnehmung auf. Auch bei der Bewertung und dem Umgang mit Falschbehauptungen, sowie beim Medienvertrauen unterscheiden sich die Anhänger:innen der verschiedenen Parteien deutlich. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Angst vor Falschinformationen im Wahlkampf.


Untersuchungsanlage

Grundgesamtheit: Wahlberechtige Internetnutzer in Deutschland

Erhebungsmethode: Computer-Assisted Web Interviewing (CAWI)

Erhebungszeitraum: 22. Bis 29. Juni 2021

Fallzahl: 3009 Befragte2

Gewichtung: Nach soziodemographischen Merkmalen

Durchführendes Institut: Pollytix im Auftrag von Reset.Tech

Vorgehen: Den Befragten wurden mehrere Fragen mit unterschiedlichen Antwortoptionen vorgelegt. Bei der Frage nach der Problemwahrnehmung wurden zur Vereinfachung die Antwortoptionen „sehr großes Problem" und „großes Problem" sowie die Optionen „eher geringes Problem" und „kein Problem" obenstehend jeweils zu einer Kategorie zusammengefasst. Für die Frage nach der Häufigkeitswahrnehmung wurde die Kategorie „(sehr) häufig" aus den Antwortoptionen „sehr häufig" und „häufig" gebildet sowie „selten" und „noch nie" zusammengefasst. Für die Einschätzung konkreter Falschinformationen (Klimawandel, COVID-Impfung), das Medienvertrauen und den Umgang mit Falschinformationen in den Sozialen Medien wurden die Befragten gebeten, mehrere Aussagen zu bewerten. „Keine Zustimmung" wurde durch die Antwortoptionen „stimme überhaupt nicht zu" und „stimme eher nicht zu" gemessen. Die Kategorie „unentschlossen" bildet jene Befragte ab, die mit „teils/teils" oder „weiß nicht" geantwortet haben. Alle Ergebnisse sind auf ganze Prozentwerte gerundet, um falsche Erwartungen an die Präzision zu vermeiden.

Weitere Informationen: https://www.reset.tech/resources/social-media-in-germany-effects-on-the-culture-of-debate-disinformation-and-hate/


  1. Als Parteianhänger:innen werden nachfolgend jene Befragte verstanden, die für eine Bundestagswahl am kommenden Sonntag angegeben haben, die jeweilige Partei wählen zu wollen. Synonym kann von potentiellen Wähler:innen gesprochen werden.↩︎

  2. Maximale Fehlertoleranz für n=3.009 bei einem 95% Konfidenzintervall: +/- 1,8%↩︎

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