Mehr als eine Plakatkampagne - Wie sich #GrünerMist bei Facebook und YouTube ausbreitet

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“Wohlstandsvernichtung”, “Klimasozialismus”, “Öktoterror” – unter diesen zugespitzten Schlagworten kursiert derzeit deutschlandweit eine Negativ-Kampagne gegen Bündnis 90 / Die Grünen. “Grüner Mist” ist keineswegs nur eine Plakat-Aktion an belebten Standorten. Auch online wird systematisch gegen die Partei gehetzt: Auf dem YouTube-Kanal der Kampagne diffamieren AfD-nahe Personen die Grünen als “Verbotspartei” mit “Steinzeitideologien” und verbreiten Falschbehauptungen. Auf Facebook schaltet #GrünerMist mit geringem finanziellem Aufwand reichweitenstarke Werbeanzeigen.

von Jessica Haak (@haak_jes), NRW School of Governance

YouTube

"50 deutsche Großstädte, mehrere tausend Großplakate - und eine Mission: Die Bürger aufklären, was ihnen mit einer grünen Regierung wirklich blüht!" — so das erste Video auf dem YouTube-Kanal “Grüner Mist”. Es ging vor zwei Wochen online und wurde bereits über 31.500-mal angeklickt. Von treibender Musik unterlegt werden im Video an das Parteilogo der Grünen angelehnte Plakate gedruckt und großformatig auf Werbeflächen angebracht. Verantwortlich für die Kampagne ist nach Medienberichten David Bendels, Geschäftsführer der in Hamburg ansässigen Firma Conservare Communication.

Auf dem YouTube-Kanal der Kampagne tritt Bendels allerdings nicht in Erscheinung. Im Zeitraum vom 09. bis 23.08. wurden 16 Videos auf dem Kanal verbreitet. Eins davon zeigt in Anlehnung an das erste Video verschiedene Orte, an denen die Plakate der Anti-Grünen-Kampagne hängen. In den anderen Videos sprechen jeweils Matthias Matussek oder Hagen Grell über die Inhalte der Kampagne. Während der frühere SPIEGEL-Reporter Matussek als Vertreter der Neuen Rechten gilt1, tritt Aktivist und Plattformbetreiber Grell öffentlich als Unterstützter der AfD auf.

Worum geht’s in den Videos?

In den kurzen Videos zwischen 1:30 und 4:52 Minuten schildern die beiden Protagonisten aus ihrer Sicht, was eine grüne Regierung für Deutschland bedeuten würde. Konkrete Belege für ihre Aussagen führen sie kaum an. In einem Video vom 11.08.2021 behauptet Matussek, dass die Grünen eine “Verbotspartei” seien, die den “neuen Menschen erziehen” und das Autofahren “abschaffen” wollen. Grell zeichnet die Dystopie einer Ein-Kind-Politik nach dem Vorbild Chinas, mit der Grünen-Politiker:innen seiner Meinung nach sympathisierten. Steuern auf Kinder seien denkbar.

Die Videos widmen sich auch den zugespitzten Schlagworten der Kampagne, die großflächig auf den Plakaten zu lesen sind. Als “Ökoterror” beschreibt Matussek beispielsweise eine “Verengung des Meinungskorridors”. Dieser solle gewaltsam durch den “Außenbordmotor der Ökobewegung: Die Antifa”, aber auch durch Gesetze und Sprachregelungen wie dem “Gender-Sprech” durchgesetzt werden (Video vom 12.08.). Als “Klimasozialismus” bezeichnet Grell, dass “zugunsten des angeblichen Klimas [...] alle möglichen Einschränkungen” hingenommen werden müssten (Video vom 14.08.2021). Als Beispiel führt er hierfür Innenstädte an, die nur noch mit E-Autos befahrbar seien.

Den wissenschaftlich nachgewiesenen menschlichen Einfluss auf den Klimawandel negiert die Schmähkampagne dabei offenkundig2: Die Grünen, so Grell, verbreiten “extreme Hysterien, was das Klima betrifft, die nicht auf wissenschaftlichen Fakten basiert” (Video vom 19.08). Matussek ergänzt, dass der “Stand der Sonne” für “Klimazyklen” ohnehin eine “viel eminentere Rolle spielt, als das was wir Menschen fabrizieren.” (Video 15.08.). Es sei “fahrlässig, dumm und geradezu kriminell” den deutschen Wohlstand für die “vage Idee, dass unsere 2 Prozent [CO~2~-] Emissionen irgendetwas ändern”, zu opfern. Zudem kritisieren die Protagonisten der Videos die Energiewende und fordern eine Rückbesinnung auf Kohle- und Kernkraft: “Wir lassen uns von den grünen Steinzeitideologien zurückführen in vorindustrielle Zeiten. Man muss behämmert sein oder suizidal, um dem zu folgen”, betont Matussek in einem Video vom 11.08.

In den weiteren Videos wird der Partei eine “Masseneinwanderung” (Video vom 21.08. mit Hagen Grell) vorgeworfen, ebenso eine Genderpolitik, in der Geschlechter miteinander “verwoben, verdreht und verwirrt” (Video vom 16.08 mit Hagen Grell) würden. Bei nahezu allen Videos schwingt der Vorwurf mit, es handele sich bei “grüner Politik” in Wahrheit um “rote Politik”. Neben programmatischen Aspekten werden Personen der Partei explizit verunglimpft. Matussek zufolge zeichne sich Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock durch “Unsachverstand” aus und weise “eine Menge Wissens- und Kompetenzlücken” auf (Video vom 12.08.2021). Ihr Lebenslauf sei “aufgepimpt”, ihre Nebeneinkünfte habe sie “verschwiegen”. Auch auf der Webseite wird sie als “Hochstaplerin” und “Abschreiberin” aufgeführt. Daneben sind auch weitere Grünen-Politiker:innen Ziel der Online-Schmähkampagne. Über Robert Habeck ist dort zu lesen: “[W]er als Mann zu den Grünen geht, ist eben von vornherein nur zweite Wahl”. Claudia Roth wird als “Antideutsche Multikulti- und Türkei-Schwärmerin” und “Mullah-Freundin” bezeichnet. Cem Özdemir sei laut der Webseite “Karrieremigrant der ersten Stunde.”

Wer sieht’s?

Die Videos erreichen zwischen 34.850 und 2.100 Klicks (Ø 10.474). Dabei erhalten sie mehr positive als negative Resonanz. Durchschnittlich gefällt 1147 Nutzer:innen ein Video, 890 hingegen drücken den Daumen nach unten. Auch die Kommentare unterstützen die Videos mehrheitlich. Vielen Kommentator:innen loben den angeblich investigativen Charakter der Kampagne: “Hut ab was eine tolle Idee den Menschen die Wahrheit über diese Ökodiktatur aufzuzeigen. Wir feiern euch” oder “Wenn die Medien nicht aufklären müssen es andere tun! Geilste Aktion ever” liest sich unter dem ersten Video vom 09.08.2021. Einige wenige Kommentator:innen kritisieren den Wahrheitsgehalt der Aussagen: “Es sind faktisch falsche Aussagen und das ist gefährlich für unsere Demokratie!!” oder “Er [Matthias Matussek] benennt falsche Zahlen. Er ist kein Bestsellerautor [...]” (Video vom 15.08.2021)

Facebook Ads

Anders als bei Youtube wird auf Facebook und Instagram3 weniger personalisiert geworben. In einem Zeitraum vom 09.08.2021 bis zum 23.08.2021 sind bislang 21 Werbeanzeigen auf der Facebook-Seite “Grüner Mist” geschaltet worden.4 Finanziert wurden die Anzeigen dabei von “Conservare Communication GmbH”, allerdings mit bisher recht geringen Ausgaben von bislang 754 Euro. Im Vergleich dazu kostet die Plakataktion nach Angaben von correctiv zwischen 550.000 und 750.000 Euro.5

Worum geht’s in den Werbeanzeigen?

Die Werbeanzeigen bestehen meist aus kurzen Texten, die auf die Webseite der Kampagne verlinken. Allein der Beitrag, der das Logo der Kampagne zeigt – eine verwelkte Sonnenblume – und mit dem Text “Alarmstufe Grün für Freiheit und Demokratie in unserem Land” wirbt, wurde in dem Zeitraum sieben Mal geschaltet. Drei weitere Werbeanzeigen beinhalten kurze Sequenzen aus den Video-Beiträgen von Matthias Matussek. Die restlichen Beiträge zeigen Bilder von den Plakaten. Dabei wird entweder auf die Kampagne als solches verwiesen und Nutzer:innen zur Interaktion angeregt: “Posten Sie unsere Arbeit unter #grünermist” (13.08.2021-17.08.2021) oder aber die Anzeigen führen zu inhaltlichen Beiträgen auf der Webseite. Dabei ist eine enge Vernetzung zu den in YouTube-Videos angesprochenen Themen zu erkennen.

Wer sieht’s?

Mit dem Verlauf der Kampagne erreichte die Kampagne immer mehr Nutzer:innen auf Facebook und Instagram: Die ersten Anzeigen kamen auf 1.000 bis 3.000 Impressionen. Einige spätere Anzeigen ab dem 16.08.2021 wurden mindestens 15.000-mal gesehen. Auffällig haben sich die Zielgruppen der Kampagne im Zeitverlauf verschoben. Die ersten Anzeigen sahen mehrheitlich Frauen im Alter von 18-24 Jahren und 25-34 Jahren. Neuere Beiträge waren vor allem für Männer sichtbar. Dabei liegt der Fokus auf Männern zwischen 45 und 64. Die Anzeigen waren in nahezu allen Regionen in Deutschland sichtbar — mit Schwerpunkt im Ballungsgebiet Nordrhein-Westfalen. Nutzer:innen aus den ostdeutschen Bundesländern wurden die Anzeigen vergleichsweise seltener gezeigt.

Anmerkung: Die Impressionen werden in der Werbebibliothek mit einer Spanne angegeben. Für die obenstehende Grafik wurde das Mittel aus der Differenz beider Zahlen ermittelt und auf die kleinere Zahl addiert. Eine Anzeige, die z.B. zwischen 25.000 und 30.000 Impressionen erreicht hat, wird obenstehend mit 27.500 angegeben. Eine Anzeige, die zwischen 2.000-3.000 erreicht hat, wird mit 2.500 Impressionen angegeben.

Fazit

#GrünerMist ist weit mehr als nur eine Plakat-Kampagne: Trotz geringen finanziellen Aufwands kursieren auf Youtube, Facebook und Instagram Anzeigen und Videos, die täglich an Reichweite zunehmen.6 Unklar ist bisher, ob die Schmähkampagne den Grünen schadet. In jedem Fall trägt die Kampagne massiv zu Negative Campaigning und Desinformationen in den Sozialen Medien bei und befördert die Agenda der AfD. Diese bestreitet bisher eine Verbindung zu der Kampagne.


  1. https://www.zeit.de/2018/27/matthias-matussek-neue-rechte-rechtspopulismus↩︎

  2. In einem anderen Video und bei Facebook verbreitet die Anti-Grünen-Kampagne die Behauptung, dass zehntausende Vögel durch Windräder sterben. Ein Faktencheck ordnet dies als eindeutige Falschinformation ein: https://correctiv.org/faktencheck/2021/08/19/nein-eine-studie-zeigt-nicht-dass-zehntausende-voegel-durch-windraeder-sterben/↩︎

  3. Einige der Werbeanzeigen werden auf beiden Plattformen geschaltet werden, mehr jedoch auf Facebook.↩︎

  4. Sämtliche Werbeanzeigen der Seite, Ausgaben und Informationen darüber, wem die Anzeigen gezeigt worden sind, sind transparent über die Werbebibliothek einsehbar (https://www.facebook.com/ads/library).↩︎

  5. https://correctiv.org/aktuelles/parteispenden/2021/08/16/anti-gruenen-kampagne-mindestens-eine-halbe-million-euro-aus-anonymen-quellen/↩︎

  6. Die Kosten für die YouTube-Videos sind nicht bekannt. Allerdings spielen sich die Videos zu Matussek und Grell in jeweils denselben Settings ab, wobei auf Effekte u.a. verzichtet wird.↩︎

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