Was macht wütend in Mecklenburg-Vorpommern? 😡

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Bislang bleibt es vergleichsweise ruhig im Wahlkampf um den Landtag in Mecklenburg-Vorpommern, die SPD-Kandidatin Manuela Schwesig liegt mit Zustimmungswerten von 65 % laut Umfragen klar vorn.1 Wie sieht es demgegenüber mit Äußerungen in den sozialen Medien aus? Welche Postings der Parteien und Kandidat:innen auf Facebook erhitzen die Gemüter der Nutzer:innen und erzeugen negative Reaktionen? Wir haben uns angeschaut, welche Beiträge im vergangenen Monat wütend gemacht haben und welche Themen und Kontroversen dabei dominieren.

Von Friederike Schneider, European New School of Digital Studies

Um diese Frage zu beantworten, wurden die Facebook-Beiträge der antretenden Spitzen- und Direktkandidat:innen sowie die Beiträge der Landesparteiverbände und Fraktionen im Zeitraum 02.08.2021 bis 01.09.2021 ausgewertet, die vergleichsweise mehr negative Reaktionen in Form von „Angry"-Emojis bekommen haben als üblich, also in Bezug auf dieses Kriterium überperformt haben.2 Auch wenn ohne direkte Befragung nicht festgestellt werden kann, worauf sich eine Reaktion im Einzelfall bezieht und wie sie gemeint ist, zeigt die Auswertung, welche Parteien eher Inhalte posten, die negative Emotionen auslösen und wem von Wähler:innenseite besonders viel Unmut und Empörung entgegenschlägt.

“Wut”-Reaktionen

Im untersuchten Zeitraum haben AfD und SPD3 jeweils 35 Posts veröffentlicht, die mit mehr wütenden Emojis bedacht wurden als die Beiträge der Profile normalerweise erhalten. Auch 25 Beiträge der CDU erhielten überdurchschnittlich viele wütende Reaktionen. Die Parteien LINKE, GRÜNE und FDP bekamen ein solches Feedback im August sehr viel seltener, nämlich nur zwei-, beziehungsweise einmal.

Wie hoch sind die Wut-Reaktionen auf Postings der Parteien insgesamt, wenn man alle „Angry"-Emojis dieses Monats zusammennimmt? Mit 962 hat die AfD insgesamt die meisten Wut-Reaktionen erhalten, und zwar mehr als SPD, GRÜNE und LINKE zusammen (952):

Die unterschiedliche Verteilung hängt zum einen damit zusammen, dass die Facebook-Seiten der AfD über eine große Followerschaft verfügen, viele Posts senden und dadurch mehr Reaktionen bekommen. Enthalten die Botschaften der AfD aber auch mehr Inhalte, die wütend machen oder werden die Partei und ihre Vertreter:innen womöglich häufiger von Nutzer:innen abgelehnt? Anders gefragt, sind die Gefühlsreaktionen eher als inhaltliche Zustimmung oder Ablehnung der geteilten Aussagen zu verstehen und richten sie sich somit gegen die Autor:innen der Postings oder als Negativ-Kampagnen gegen andere Politiker:innen? Mit einer Inhaltsanalyse untersuchen wir, welche Themen die geteilten Postings beinhalten und inwiefern diese auf negative Reaktionen ausgerichtet sind.4

Negative Emotionen und Negative Campaigning als Kommunikationsstrategien

Die Mehrheit der 115 Beiträge, die überdurchschnittlich viele “Angry”-Reaktionen bekommen haben, nämlich 57 %, enthalten keine Inhalte, die dazu tendieren, Angst oder Wut hervorzurufen. 39 % der Beiträge enthalten negative Emotionen und 21 % Abwertungen von oder Angriffe gegen andere kandidierende Politiker:innen oder Parteien im Sinne von Negative Campaigning.5 18 % der Beiträge enthalten beides: Negative Campaigning und negative Emotionen.

Vergleich der häufigsten Themen bei AfD und SPD

Da SPD und AfD in den Facebook-Postings mit überdurchschnittlich vielen „Angry"-Reaktionen mit gleich vielen Beiträgen (35) vertreten sind, lässt sich hier die Verteilung der Themen gut vergleichen. Während bei der SPD in Mecklenburg-Vorpommern Beiträge zu eigenen Wahlkampfveranstaltungen, zum Wahlprogramm und Umfragewerten (15) gegenüber Corona-Pandemie (5), Hochwasser (1) und Afghanistan (1) dominieren, finden sich unter den Beiträgen der AfD mit überdurchschnittlichen Wut-Reaktionen deutlich mehr Aussagen zu den Themen Afghanistan (11), Corona-Pandemie (6) und Migration (5). Nur in einem Posting geht es um den Wahlkampf der eigenen Partei.

Dabei unterscheidet sich auch die Art der Darstellung der Themen, die verwendete Bildsprache und der Kommunikationsstil. Es stellt sich heraus: in den Beiträgen der AfD werden so stark wie bei keiner anderen Partei negative Emotionen erzeugt, Bedrohungsszenarien beschrieben oder Angriffe auf andere Kandidierende und Parteien gemacht. Von den 35 Beiträgen der Partei enthalten nur 2 weder negative Emotionen noch Merkmale des Negative Campaigning.

Welche anderen Reaktionen haben die Postings der vier größten Parteien, die mehr Wut als üblich ausgelöst haben, noch bekommen?

Es fällt vor allem eins auf: die Postings der AfD mit überdurchschnittlich vielen wütenden Reaktionen, bekommen nahezu ausschließlich wütende Reaktionen. Bei SPD, LINKE, CDU und GRÜNEN gibt es dagegen ein breiter gefächertes Spektrum neben dem „Wut“-Emoji, wobei jeweils die „Haha”-Reaktion an zweiter Stelle steht. Die Anzahl der lachenden Emojis überwiegt dabei – was auch ein Indikator für Ironie oder Sarkasmus sein kann. Am seltensten wurden „Love“-Reaktionen vergeben, außer bei Postings mit überdurchschnittlichen „Wut”-Reaktionen der SPD, die gleichzeitig auch sehr viele „Love"-Emojis erhalten.

Fazit

Obwohl der Einfluss negativer Emotionen und Kampagnen auf Wahlentscheidungen umstritten ist, lässt sich mit diesen Strategien die Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit auf Social-Media-Plattformen erhöhen.6 Die Analyse legt nahe, dass die AfD stark auf eine Kommunikationsstrategie mit negativer Emotionalisierung setzt und andere Kandidierende oder Parteien häufig in ein schlechtes Licht rückt. Eigene Wahlkampfinhalte der AfD erhalten offensichtlich in geringerem Maße Wut-Reaktionen als diese negativen Postings. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die „Angry“-Emojis hier häufiger Zustimmung zu Inhalten ausdrücken, die darauf ausgelegt sind, negative Emotionen hervorzurufen. Schließlich zeigt die Auswertung, dass bei der SPD ein Großteil der „Angry”-Reaktionen auf Postings entfällt, die an sich keine negativen Emotionen bedienen. Vielmehr handelt es sich bei einem wesentlichen Teil um Wahlkampfpostings von Manuela Schwesig. Daher könnten die „Angry“-Reaktionen hier eher als Ablehnung der Wahlkampfinhalte zu verstehen sein. Dies bestätigen auch die Postings mit der Top „Angry”-Overperformance der Parteien, bei denen es mit einer Ausnahme nicht um negative Emotionen geht:

GRÜNE: Overperforming-Score 168

LINKE: Overperforming-Score 57

SPD: Overperforming-Score 23,5

AfD: Overperforming-Score 17,88

CDU: Overperforming-Score 13

FDP: Overperforming-Score 1


  1. https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/wahlen_mv_2021/Umfrage-Schwesig-in-der-Waehlergunst-deutlich-vor-Sack-,landtagswahlmv132.html, https://www.nordkurier.de/mecklenburg-vorpommern/ist-der-kampf-um-den-landtag-bereits-entschieden-2544825508.html↩︎

  2. Datenquelle: Crowdtangle.com. Alle folgenden Analysen beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf die Grundgesamtheit N = Postings mit Angry-Overperforming Score zwischen 02.08.2021 – 01.09.2021 aller verifizierten oder verlinkten Facebook-Profile der zur Wahl stehenden Direkt- und Spitzenkandidat:innen, der Abgeordneten und Landtagsfraktionen, der Landesparteiverbände und Jugendorganisationen.↩︎

  3. Die Angabe bezieht sich auf die in der Grundgesamtheit enthaltenen Postings, hier die Facebook-Seite des AfD-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern (https://www.facebook.com/AfD.MV/) und die Facebook-Seiten von 8 Direktkandidant:innen und 2 Landtagsabgeordneten der AfD bzw. die Facebook-Seite des SPD-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern (https://www.facebook.com/SPD.MV/), der SPD-Spitzenkandidatin Manuela Schwesig (https://www.facebook.com/ManuelaSchwesig) und 5 Direktkandidat:innen der SPD.↩︎

  4. Bei der Inhaltsanalyse wurde neben Wut und Angst als prominentesten Ausprägungen ein Spektrum negativer Emotionen wie Unmut, Ärger, Hass, Enttäuschung, Geringschätzung, Feindlichkeit, Panik, Entsetzen, Befürchtung, Sorge und weiterer berücksichtigt, die sich in dramatisierender Sprache und der Darstellung von Bedrohung äußern.↩︎

  5. https://www.oxfordbibliographies.com/view/document/obo-9780199756223/obo-9780199756223-0228.xml↩︎

  6. https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1940161220919093↩︎

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