Faszination Umfragen: Welche Bedeutung wird Vorwahlumfragen im Wahlkampf zu den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern auf Twitter beigemessen?

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Faszination Umfragen: Welche Bedeutung wird Vorwahlumfragen im Wahlkampf zu den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern auf Twitter beigemessen?

Insbesondere in Wahlkampfzeiten sind Wahlumfragen aus der politischen Berichterstattung kaum noch wegzudenken. Doch die Zuverlässigkeit und möglichen Effekte solcher Umfragen werden kontrovers diskutiert. Wie sieht das auf Twitter aus? Spielten Umfragewerte hier eine bedeutende Rolle im Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus und zum Landtag in Mecklenburg-Vorpommern?

Von Clara Baldus (@clara_baldus) und Friederike Schneider, European New School of Digital Studies

Stetig werden Parteien und Kandidat:innen mit den neuesten Umfrageergebnissen konfrontiert. Medial wird ihnen große Aufmerksamkeit zuteil, unter anderem weil sie einen hohen Nachrichtenwert bieten. So titelten etliche Zeitungen nach Erscheinen einer neuen Umfrage am 17. September, es werde ein “Kopf-an-Kopf-Rennen” bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus geben.1 Dies spiegelt die typische sogenannte Horse-Race-Rhetorik wieder, mit der Journalist:innen politische Wahlkämpfe als Wettkämpfe rahmen.2 Vergleichbar mit einem Pferderennen fokussiert sich die Berichterstattung darauf, welche Partei oder welche:r Kandidat:in vorne liegt, aufholt, vermutlich gewinnt oder verliert, statt auf inhaltliche Unterschiede der Parteien und die Bedeutung für die Wähler einzugehen.

Studien zufolge nimmt sowohl die Berichterstattung über Wahlumfragen als auch die Wahrnehmung dieser durch Wähler:innen zu, insbesondere auch auf landespolitischer Ebene.3 Die Effekte von Wahlumfragen sind in der Forschung jedoch umstritten. Während die einen auf positive Funktionen als objektive Informationsquelle und repräsentatives Stimmungsbild hinweisen, argumentieren Kritiker:innen, dass die veröffentlichten Ergebnisse sowohl Wahlteilnahme als auch Wahlentscheidung unrechtmäßig beeinflussen könnten.4 Allerdings mangelt es an empirischen Befunden und Wahlforscher:innen sind sich uneinig, ob Wahlumfragen überhaupt einen Einfluss auf die Meinungsbildung haben.5 Ein weiterer Kritikpunkt lautet, dass der starke Fokus der Berichterstattung auf Umfragen inhaltlichen Debatten im Wahlkampf den Raum nimmt.

Auch wenn diese Fragen im Rahmen unserer Analyse nicht beantwortet werden können, ist von Interesse, welchen Anklang Wahlumfragen auf Twitter finden. Dabei beantworten wir folgende Fragen: Wie häufig werden Wahlumfragen im Vorfeld der Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern aufgegriffen und geteilt? In welche Kontexte werden sie gestellt? Wie positionieren sich die Parteien und Kandidat:innen selbst zu den Umfrageergebnissen? Die Analyse bezieht sich dabei auf den Zeitraum der letzten Monate vor der Wahl.

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Wie präsent sind Umfragen auf Twitter?6

Betrachtet man die Verlaufskurve der Posting-Aktivität auf Twitter, zeigt sich, dass Wahlumfragen im Berliner Wahlkampf kein stetig präsentes Thema sind. An den meisten Tagen in dem Analysezeitraum wurde kaum oder gar nicht darüber getwittert. An den Tagen jedoch, an denen Vorwahlumfragen erschienen, sind deutliche Höhepunkte in der Twitter-Aktivität zu erkennen. Die höchste Anzahl an Tweets (335) wurde am 17. September erfasst, an dem die aktuellsten Umfrageergebnisse von infratest dimap sowie der Forschungsgruppe Wahlen publiziert wurden.

Ähnlich sieht es bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern aus. Hier machten jedoch Tweets zu Umfragen mit knapp 27% einen wesentlich größeren Teil des Gesamtvolumens im Vergleich zu den Abgeordnetenhauswahlen in Berlin aus.7

Mit der Veröffentlichung von Umfragen stieg das Tweet-Aufkommen zur Wahl insgesamt und speziell zum Thema Umfragen. Vor allem im Anschluss an die letzten drei Umfragen vom 26.08.2021, 09.09.2021 und 17.09.2021 von Infratest dimap erschienen viele Beiträge, die als deutliche Peaks im Zeitverlauf zu sehen sind.

Wer twittert am meisten?

Die Umfrageergebnisse im Berliner Wahlkampf werden insbesondere von Twitter-Accounts mit einem Fokus auf Nachrichten geteilt. So posten Profile wie News__Poster, Tagesspiegel und Wahlen_DE mit am meisten zum Thema Umfragen. Am häufigsten retweetet wurden Posts von Wahlrecht_de, ebenfalls ein Account, dessen Inhalt hauptsächlich aus Wahlumfragen und weiteren Informationen zu den Landtagswahlen sowie der Bundestagswahl besteht. Außerdem ist die Webseite von mit den verschiedenen Umfrageergebnissen zur Berlin-Wahl der am häufigsten geteilte Link (421 Verlinkungen).

Der Schwerpunkt auf dem Nachrichtencharakter der meistgeteilten Tweets zum Thema Umfragen gilt auch für den Wahlkampf um den Landtag in Mecklenburg-Vorpommern. Im Zeitraum zwischen dem 01.06.2021 und dem 18.09.2021 wurde ebenfalls die Webseite von Wahlrecht.de am meisten geteilt (379 Verlinkungen), die regelmäßig die neuesten Umfrageergebnisse zur Verfügung stellt. Die größte Reichweite zum Thema Umfragen bei der Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern haben die Accounts Wahlrecht_de (47 510), die Ministerpräsidentin und SPD-Spitzenkandidatin ManuelaSchwesig (33 914) und EuropeElects (31 416), eine Plattform, die Ergebnisse europäischer Meinungsforschungsinstitute zu Wahlen sammelt. Im Zusammenhang mit den letzten drei Umfragen wurde der jeweils aktuelle Tweet mit den Ergebnissen von Wahlrecht_de am häufigsten geteilt (insgesamt 151 Retweets).

Tweets nach diesem Muster, die ausschließlich Diagramme mit Umfrageergebnissen beinhalten, machen einen großen Teil der häufigsten Retweets mit großer Reichweite aus. Im Veröffentlichungszeitraum der letzten drei Umfragen waren es 62,5%, 54% und 56,5% der Tweets zur Landtagswahl mit Bezug zum Thema Umfragen.8

(Wie) Wird über Umfragen diskutiert?

Von den meistgeteilten Tweets im Berliner Wahlkampf9 weisen etwa zwei Drittel einen reinen Nachrichtencharakter auf und beschränken sich lediglich auf die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen. In ca. 32 % der Fällen kommentieren Twitter-User diese Ergebnisse. Dabei greifen sie vor allem zur Horse-Race-Rhetorik, die aus den Medien bekannt ist, eingefärbt durch persönliche Parteipräferenzen oder verknüpft mit Wahlaufrufen. So zum Beispiel auch Daniel Wesener, Mitglied des Abgeordnetenhauses für Bündnis 90/Die Grünen:

Eine Ausnahme zeigt die Diskussion um Schwankungen und Fehlerquoten von Umfragen unter einem Tweet von Journalist Stefan Niggemeier, der auf divergierende Umfrageergebnisse hinweist.

Außerdem wird in den Kommentaren unter einer Veröffentlichung von Wahlrecht_de Kritik daran laut, dass die Parteianteile unter “Sonstige” nicht ausgewiesen werden, unter anderem auch von Martin Sonneborn. Ein Twitter-User kommentiert: “Wer sind die 13 % Sonstige? Finde es ein Unding dass das nicht aufgeschlüsselt wird. Transparenz geht anders…”

Imageaufwertung oder Ignoranz: Wie gehen Parteien und Kandidat:innen mit Umfrageergebnissen um?

Die Berliner Parteien und ihre Spitzenkandidat:innen10 widmen Wahlumfragen auf Twitter kaum Aufmerksamkeit. So twitterte die SPD Berlin im Analysezeitraum (01.06. - 18.09.2021) nur zehn Mal dazu und ist damit noch am aktivsten. Auffällig ist zudem, dass die Hälfte der Posts sich gar nicht auf die Berlin-Wahl, sondern auf die Bundestagswahl bezieht. Franziska Giffey, Spitzenkandidatin der SPD, die laut Umfragen konstant vorne lag, griff diese Ergebnisse zu ihren Gunsten nur einmal auf. Mit sieben Tweets bezog sich Linken-Kandidat Klaus Lederer noch vergleichsweise häufig auf Umfrageergebnisse. Die weiteren Parteien und ihr:e jeweilige:r Kandidat:in twitterten jeweils nur unter fünf Mal zum Thema Umfragen. Für den Berliner Wahlkampf auf Twitter lässt sich also festhalten, dass die Parteien und Kandidat:innen Umfrageergebnissen wenig medialen Raum geben, und diese scheinbar eher ignorieren, als dadurch ihr Image aufzupolieren oder andere abzuwerten.

In Mecklenburg-Vorpommern nehmen Umfrageergebnisse im Vergleich einen etwas größeren Raum ein, vor allem bei der SPD.11 Von allen Tweets der Parteien und Spitzenkandidat:innen, die parallel zu den letzten drei Umfragen erschienen sind, bezogen sich über die Hälfte (34 von 62) direkt auf die Ergebnisse. Die SPD twitterte insgesamt zwanzig Mal dazu und konnte sich über kontinuierlich steigende Zustimmungswerte freuen. In fünf der zwanzig Beiträge ging es auch um die Bundestagswahl. Manuela Schwesig kommentierte die Umfragewerte viermal und warb um Stimmen für ihre Partei auf Landes- und Bundesebene. Angesichts des Höhenflugs der SPD mit zuletzt 40 % nahmen sich diese Reaktionen recht bescheiden aus. Es lässt sich der Versuch ablesen, sich nicht auf einem guten Umfrageergebnis auszuruhen und den Eindruck zu riskieren, es komme nicht auf eine Stimme mehr oder weniger an:

Der Spitzenkandidat René Domke und der Landesverband der FDP twitterten insgesamt zehnmal zu Umfrageergebnissen und zeigten sich in diesem Retweet angesichts von 7 % Zustimmung zuversichtlich, in dieser Legislaturperiode in den Landtag einziehen zu können:

Der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern der Partei Die Linke kommentierte die Umfrageergebnisse inhaltlich mit einem Verweis auf ihr Kernthema Bildung:

Der CDU-Landesverband kommentierte die Umfragen gar nicht, ihr Spitzenkandidat Michael Sack ist auf Twitter nicht vertreten. Gleiches gilt für den AfD-Landesverband und ihren Spitzenkandidaten Nikolaus Kramer. Die Zurückhaltung beim Thema Umfragen im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern könnte damit zusammenhängen, dass es für die konkurrierenden Parteien sehr unwahrscheinlich schien, den großen Vorsprung der SPD aufzuholen. Bündnis 90/Die Grünen bezogen sich auf diese Situation mit folgendem Retweet durch Spitzenkandidatin Anne Shepley:

Fazit

Der Umgang mit Umfrageergebnisse zu den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern auf Twitter spiegelt das Verhalten traditioneller Medien wider. Aufgrund des als hoch eingeschätzten Nachrichtenwerts nehmen Umfragen an den Tagen ihrer Veröffentlichung einen hohen Stellenwert in der Diskussion ein. An diesen Tagen werden dann vorläufige Ergebnisse im Sinne einer Horse-Race-Rhetorik miteinander verglichen, während inhaltliche Diskussionen dadurch weniger Raum einnehmen können. Vor allem die SPD in Mecklenburg-Vorpommern scheint sich der Gefahr bewusst, die von ihren guten Umfragewerten ausgehen könnte: Falls der Eindruck entstünde, dass das Ergebnis bereits feststeht und einzelne Stimmen nicht mehr ins Gewicht fallen, könnte dies zu einer Demobilisierung der eigenen Wähler führen. Diesem Eindruck versucht die SPD offenbar entgegenzuwirken.


  1. Z.B.: https://www.zeit.de/news/2021-09/17/neue-umfrage-deutet-bei-berlin-wahl-auf-kopf-an-kopf-rennen, https://www.bz-berlin.de/berlin/umfrage-kopf-an-kopf-rennen-zwischen-spd-und-gruenen-bei-berlin-wahl.↩︎

  2. Ohliger, U. A.; Vögele, C. (2020). Objektive Informationsquelle oder Mittel zur politischen Instrumentalisierung? Wie Landtagskorrespondenten die Bedeutung und Effekte der medialen Umfrageberichterstattung wahrnehmen. Medien & Kommunikationswissenschaft, 68 (1-2), 113–141.↩︎

  3. Ibid.↩︎

  4. Ibid.↩︎

  5. De Rocchi, T. (2018). Viel Lärm um Nichts? Der Einfluss von Vorwahlbefragungen auf die Beurteilung der Parteien und den Ausgang der Wahl. In: Wie Kampagnen die Entscheidung der Wähler beeinflussen (123–164).↩︎

  6. Die Beiträge zur Abgeordnetenhauswahl beinhalten alle Tweets, die folgende Schlagworte enthalten: “Berlinwahl”, “Berlin-Wahl”, “Abgeordnetenhaus”, “Abgeordnetenhauswahl”, “Wahl zum Abgeordnetenhaus”, “Agh” und “Aghwahl”.

    Die Beiträge zum Thema Umfrage enthalten zusätzlich einen oder mehrere der folgenden Suchbegriffe: Alle Begriffe, die mit “Umfrage” beginnen (z.B. “Umfrageergebnis”), “Meinungsumfrage”, “Wahlumfrage”, “Vorwahlumfrage”, “Wahlprognose”, “Sonntagsfrage”, “infratest dimap”, “Insa”, “Forsa”, “Forschungsgruppe Wahlen” sowie “Politbarometer”.↩︎

  7. Datenquelle: Brandwatch.com. Die Grundgesamtheit beinhaltet alle Tweets im Zeitraum 01.06.2021-18.09.2021, die gängige Schlagworte zur Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern (“Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern”, “Landtagswahl MV”, “MV-Wahl”, “MVWahl”, #ltwmv, #ltwmv21, #ltwmv2021) enthalten (3191). Davon enthalten 859 auch die folgenden Suchbegriffe zum Thema Umfrage: alle Begriffe, die mit “Umfrage” beginnen, “Sonntagsfrage”, “Wahlprognose”, “Wahltrend”, “Infratest dimap”, “INSA”, “Forsa”, “Forschungsgruppe Wahlen”, “Politbarometer”.↩︎

  8. Analysiert wurden die Beiträge zum Thema Umfragen und Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern mit den meisten Retweets (mindestens 1 Retweet) und der höchsten Reichweite zum Erscheinungsdatum der letzten drei Meinungsumfragen am 26.08.2021 (8 Beiträge), am 09.09.2021 (13 Beiträge) und am 17.09.2021 (23 Beiträge).↩︎

  9. Analysiert wurden die jeweils 20 meistgeteilten Tweets der letzten drei Höhepunkte in der Twitter-Aktivität zum Thema Umfragen, wie sie im Diagramm zu erkennen sind.↩︎

  10. In die Analyse miteinbezogen wurden insgesamt zwölf Twitteraccounts der Berliner Landesverbände der im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien und ihrer Spitzenkandidat:innen.↩︎

  11. Ausgewertet wurde, wie viele Tweets der Accounts der Landesverbände der größten zur Wahl stehenden Parteien (SPD, AfD, CDU, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, FDP) und der Spitzenkandidat:innen (Manuela Schwesig, Simone Oldenburg, Anne Shepley, René Domke) im Zeitraum der drei zuletzt erschienenen Umfragen am 26.08.2021 (22 Beiträge), 09.09.2021 (17 Beiträge) und 17.09.2021 (23 Beiträge) sich auf diese beziehen. Nicht auf Twitter vertreten sind die Spitzenkandidaten der CDU (Michael Sack) und der AfD (Nikolaus Kramer).↩︎

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