Rot-grünes Licht für Berlin: Wie wurde die Koalitionsfindung nach der Berlin-Wahl auf Twitter kommentiert?

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Nachdem die Wahl zum Abgeordnetenhaus eher chaotisch über die Bühne ging, gestalteten sich auch die Sondierungsgespräche zunächst unübersichtlich. Nun zeichnet sich mit Fortschreiten der Koalitionsverhandlungen ein Weiter So für Berlin ab. Welche Bedeutung wurden den Koalitionsverhandlungen auf Twitter beigemessen?

Von Clara Baldus (@clara_baldus), European New School of Digital Studies

Wie wurden die Sondierungen auf Twitter kommentiert?

Im Zeitraum von Montag, 27.09., dem Tag nach der Wahl, bis zum 15.10.2021, an dem mit Verkündung der Koalitionsverhandlungen die Weichen für eine rot-rot-grüne Regierung gestellt wurden, wurden insgesamt 2.280 Tweets zum Thema Sondierungen und Koalitionen zur Abgeordnetenhauswahl verfasst.1 Dabei zeichnen sich deutliche Höhepunkte in der Twitter-Aktivität am 27.09. ab mit 392 Posts, am 08.10. mit 228 Posts und am 14.10. mit 279 Posts. Diese spiegeln die Veröffentlichung der Wahlergebnisse am 27.09., die Aufnahme von Sondierungsgesprächen am 08.10. und die Bekanntgabe rot-rot-grüner Koalitionsverhandlungen am 14.10. wider, die besonders viele Reaktionen und Berichterstattung hervorriefen.

So wurde ein Artikel des rbb mit dem Titel “In Berlin stehen die Zeichen auf Rot-Grün-Rot” 62 Mal geteilt. Der Tweet mit den häufigsten Retweets (79 Retweets) stammt von der Grünen Jugend Berlin und spricht sich gegen eine Ampel-Koalition für das Abgeordnetenhaus aus.

Wie die Wortwolke zeigt2, wird die SPD im Zusammenhang mit den Sondierungen am häufigsten genannt (856 Mal), darauffolgend die FDP (434 Mal) und an dritter Stelle die Grünen (408 Mal). Auf DIE LINKE hingegen wird nur in weniger als 300 Tweets verwiesen.

Welche Rolle spielen die jeweiligen Koalitions-Kombinationen?

Im Analysezeitraum wurden auf Twitter vor allem die Ampel-Koalition sowie eine rot-grün-rote Koalition diskutiert. Am häufigsten wurde die Dreierkombination aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und DIE LINKE erwähnt, insgesamt 332 Mal. Auch zur Ampel-Koalition wurde mit 222 Posts rege getwittert. Unwahrscheinliche Kombinationen wie die Deutschland-, Jamaika- oder Kenia-Koalition erhielten hingegen kaum Beachtung und wurden jeweils nur 15 Mal oder seltener erwähnt.3

Zu Rot-Grün-Rot wurden insbesondere die Unstimmigkeiten zwischen der Berliner SPD und ihrer Spitzenkandidatin Franziska Giffey, die entgegen der Parteilinie eine Ampel-Koalition präferierte, thematisiert. Ein Tweet von @rbb24, wonach SPD-Kreisverbände Druck auf Franziska Giffey in Sachen Koalitionsfindung ausübten, wurde 21 Mal geteilt. Diese Thematik wurde auch unter Nennung von Begriffen wie “fordern”, “Neuauflage”, “Druck”, “SPD-Kreisverbände” und “Fortsetzung” aufgegriffen.

In Bezug auf die Ampel-Koalition wurde ein Tweet vom 14. Oktober am häufigsten geteilt (48 Mal), der kurz nach Bekanntgabe der Koalitionsverhandlung von SPD, Linken und Grünen erschien. Dieser zieht kritische Schlüsse aus der Beendigung der Berliner Ampel-Sondierungen mit Hinblick auf die Koalitionsverhandlungen auf Bundesebene, wo die Ampel-Konstellation momentan als fast sicher gilt.

Wie melden sich die Parteien zu Wort?

Insbesondere DIE LINKE und die SPD äußern sich viel auf Twitter zu den Sondierungen mit jeweils mehr als 60 Tweets. FDP und AfD melden sich zu dem Thema hingegen kaum zu Wort.4

Aus der Berliner SPD sprachen sich insbesondere die Jusos stark für eine rot-rot-grüne Regierung aus.

DIE LINKE warb aktiv für eine Fortsetzung der bisherigen Regierung und argumentierte, dass auch die Wahlergebnisse eine solche Koalition bekräftigen würden. Besonders viele Retweets erhielt der Post von Spitzenkandidat Klaus Lederer, der verkündete, dass sich SPD, Grüne und Linke in Berlin geeinigt haben.

Auch Bündnis 90/Die Grünen, die zwar etwas weniger zu dem Thema twitterten, sprachen sich deutlich für eine Koalition unter Beteiligung der Linken aus. Seitens der CDU und ihres Kandidaten Kai Wegner wurde hingegen Kritik an der bisherigen und vermutlich auch künftigen Regierungskoalition im Abgeordnetenhaus laut.

FDP und AfD äußerten sich wenig zu den Sondierungen. Sie zogen Parallelen zur Koalitionsbildung auf Bundesebene und bedauerten dabei das Zustandekommen des Linksbündnisses für Berlin.

Fazit

Die Sondierungen wurden auf Twitter verfolgt und kommentiert. Dabei waren hauptsächlich eine rot-grün-rote sowie eine Ampel-Koalition im Gespräch. Am häufigsten wurden die SPD und Franziska Giffey mit den Sondierungsgesprächen in Verbindung gebracht. Die Parteien äußerten sich eher mäßig und wenig überraschend zu dem Thema. Dabei warben die Parteien, die an der Regierungskoalition beteiligt wären, für Rot-Grün-Rot und deklarierten die Aufnahme der Koalitionsverhandlungen als Erfolg, während FDP, CDU und AfD das Linksbündnis teils deutlich kritisierten.


  1. Datenquelle: Brandwatch. In die Analyse mit einbezogen wurde alle Tweets, die einen der Suchbegriffe #aghw21, agh, Abgeordnetenhaus, Abgeordnetenhauswahl, Wahl zum Abgeordnetenhaus, Berlin-Wahl in Kombination mit einem der folgenden Suchbegriffe: Regierungsbildung, sondier* (alle Begriffe die mit “sondier” beginnen, zum Beispiel sondieren oder Sondierungsgespräche), koalier*, r2g, rot-rot-grün, Deutschland-Koalition, Ampel-Koalition, Kenia-Koalition oder Jamaika-Koalition enthielten.↩︎

  2. Größe der Worte zeigt die Häufigkeit mit der ein Begriff genannt wurde an.↩︎

  3. In die Analyse mit einbezogen wurde alle Tweets, die einen der Suchbegriffe #aghw21, agh, Abgeordnetenhaus, Abgeordnetenhauswahl, Wahl zum Abgeordnetenhaus, Berlin-Wahl in Kombination mit einem der folgenden Suchbegriffe: Regierungsbildung, sondier*, koalier*, Gespräch* und zusätzlich je nach Koalition entsprechende Filterbegriffe enthielten.

    Für Rot-Grün-Rot: r2g, rot-rot-grün, rot-grün-rot, rrg, rgr; Für die Deutschland-Koalition: Deutschland-Koalition, Deutschlandkoalition; Für die Ampel-Koalition: Ampel*, Ampel-Koalition, Ampelkoalition; Für die Kenia-Koalition: Kenia, Kenia-Koalition, Keniakoalition; Für die Jamaika-Koalition: Jamaika, Jamaika-Koalition, Jamaikakoalition.↩︎

  4. Gegenstand der Analyse sind insgesamt 91 Twitter-Accounts der jeweiligen Spitzenkandidat:innen, Landesverbände, Fraktionen im Abgeordnetenhaus sowie den Bezirksverordnetenversammlungen und die Berliner Jugendorganisationen.↩︎

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